Die Sucht besiegen – Das Remagener Haus Hohenlinden zeigt, wie es geht

Veröffentlicht am 04.08.2011 in Pressemitteilung
Haus Hohenlinden 8 mit Leiterin Gerline Baban

Sechs Jahre lang kein Rückfall. 40 Schulabschlüsse in fünf Jahren

REMAGEN: Wie entsteht Sucht? Wie befreit man junge Menschen von ihrer Abhängigkeit? Was sollten, was könnten Gesellschaft und Politik einbringen, damit in aktuellen Drogenberichten nicht mehr - wie seit Jahren beklagt - das immer niedrigere Einstiegsalter der Drogenabhängigkeit von Kindern und Jugendlichen auch im Alter Vorschub leistet? Die Bundestagsabgeordnete Andrea Nahles sprach im Haus der Suchthilfe Hohenlinden in Remagen mit Gerlinde Baban. Die Ärztin und Psychotherapeutin begleitet seit 21 Jahren Jugendliche und junge Erwachsene auf ihrem Weg aus der Abhängigkeit. Ihr Erfolgsrezept: Perspektive.

„Die Suchterkrankung ist nur eine Facette der Persönlichkeit eines suchtkranken Menschen“, erklärt sie. „Die Entwicklung von süchtigem Verhalten hängt von der Befindlichkeit des Menschen selbst ab. Es entsteht aus einem vielfältigen Bedingungsgefüge, das heißt, genetische, biologische, psychische und soziale Faktoren spielen wichtige, in jedem Einzelfall aber auch unterschiedliche Rollen.“

Deshalb macht sich Gerlinde Baban mit ihrem Team und den Patienten auf eine gemeinsame Suche nach Ressourcen, Talenten, Fähigkeiten. „Damit diese Suche gelingt, begegnen wir unseren Patienten mit Respekt und Wertschätzung, mit einer sorgenden, partnerschaftlichen, aufrichtigen empathischen und neugierigen Haltung. Im Haus selbst schaffen wir eine Atmosphäre der Geborgenheit, Solidarität, Zuversicht, Klarheit, Konsequenz, Herausforderung und Lebendigkeit.“ Das Team versteht sich als „professionelle Eltern.“

Die brauchen die 32 jungen Männer, die Andrea Nahles in Hohenlinden antrifft, in den sechs Monaten, die sie in Hohenlinden bleiben. Nach einer Eingewöhnungsphase beginnt die eigentliche Therapiearbeit. Dass sie mit ihr „Frieden schließen mit der Herkunftsfamilie“, wünscht sich Baban und arbeitet mit ihrem Therapeutenteam zum Biespiel in Eltern- oder Angehörigenseminaren darauf hin. Dafür, dass ihre Patienten eine eigene Lebensperspektive entwickeln, bietet man ihnen in Hohenlinden seit fünf Jahren die Möglichkeit, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Keine leichte Arbeit, denn viele der Schützlinge haben ihr Schulversagen im Hinterkopf und deshalb zu Beginn Angst vor der Schule. Dennoch haben in nur fünf Jahren schon 40 Patienten den Abschluss geschafft. „Wer hier ist, muss was tun“, erklärt Baban. Dazu gehört auch ein Praktikum während der Therapie. „Einen Praktikumsplatz bekommt hier jeder. Mancher sogar eine Ausbildungsstelle im Anschluss.“ Die Betriebe der Region unterstützen das Konzept der Hohenlindener. Dafür „revanchieren“ sich die Patienten, indem sie zum Beispiel Möbel für den Kindergarten der Stadt produzieren oder sich im Ort an anderer Stelle ehrenamtlich engagieren. Ein „giving-back“ nennt das Baban.

Am Ende ist die Politikerin Nahles besonders gefragt. Gerlinde Baban macht sie darauf aufmerksam, „dass die Pflegesätze seit 1994 unverändert geblieben sind.“ Dass macht es nicht leicht, das 1902 als Sanatorium gebaute Haus Hohenlinden auf den Anforderungsstandard eines modernen Qualitätsmanagements nachzurüsten. Bei der Zertifizierung fallen Ausstattungsfragen mehr ins Gewicht als ein erfolgreiches Therapiekonzept, klagen nicht nur die Hohenlindener Patienten. Diese fühlen sich in ihrem „alten Haus“ mit der Küche, der Töpferei, einer Kreativwerkstatt für Metall- und Holzverarbeitung, einem Fotolabor, einem Musik- und Fitnessraum sehr wohl, was sie bei dem Rundgang selbst sehr deutlich zum Ausdruck brachten.

So hoffen alle, dass die Ausstattungs- oder mögliche bauliche Mängel am Ende nicht stärker ins Gewicht fallen als der empirisch zu belegende Erfolg der jahrelangen Suchtarbeit.

 
 

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